Nach 6 schon ausgespielten Partien von insgesamt 12, könnte man bei der Schachweltmeisterschaft in Bonn von Halbzeit reden. Nach der Meinung vieler Kommentatoren ist sie höchstwahrscheinlich schon gelaufen, denn Viswanathan Anand, der Titelverteidiger, hat davon 3 Partien gewonnen und die anderen 3 Unentschieden gespielt. In einem Direktduell ist so ein Vorsprung fast gar nicht aufzuholen.
Outcut wirft an dieser Stelle einen Blick auf die bisher gespielten Partien!
Partie 1:
Eine sehr trockene Partie, in der Kramnik zwar einen Bauern in der Eröffnung gewann, jedoch Anand die Initiative überließ (Diagramm) - nach 32 Zügen wurde bei ungleichfarbigen Läufern eine Remisstellung erreicht.

Partie 2:
Wesentlich mehr Spannung bot dann die zweite Partie. In einer eher selten gespielten Eröffnungsvariante, wurde recht schnell eine sehr komplexe Stellung erreicht (Diagramm) - nachdem Kramnik einen Damentausch anstrebte, konnte Anand im Folgenden die Initiative erlangen und einen Bauern gewinnen. Kramnik verteidigte sich aber dann sowohl mit taktischen und positionellen Mitteln einfallsreich und präzise. Als bei beiden Spielern die Zeit knapp wurde, einigte man sich auf Unentschieden.

Partie 3:
Hier brachte der Titelverteidiger mit Schwarz eine, sicher in “häuslicher Vorbereitung”, atemberaubend scharfe und komplexe Stellung aufs Brett (Diagramm), die selbst mit modernen Schachprogrammen nur sehr schwer auszuanalysieren ist.
Er konnte damit Kramnik aber in den folgenden 10 Zügen nicht ernsthaft in Bedrängnis auf dem Brett bringen, jedoch ihn damit in arge Zeitnot drängen, in der Kramnik dann, bei immer noch furchteinflößender schwarzer Initiative, entscheidende “Fehler” beging.

Partie 4:
Eine relativ unspektakuläre Partie, in der keiner der beiden Kontrahenten den anderen jemals ernsthaft in Bedrängnis bringen konnte. Nach Schwerfigurenabtausch einigte man sich auf Unentschieden.
Partie 5:
Kramnik überraschte hier das Schachpublikum, indem er die gleiche Eröffnungsvariante spielte, mit der Anand just 2 Partien davor in Führung gehen konnte. Auch hier gelang es Anand wieder, Kramnik in Zeitnot zu bringen. Spielentscheidend war aber diesmal eher eine sehr lange Zugfolge, bei der Kramnik glaubte, einen Bauern gewinnen und damit entscheidenden Vorteil erreichen zu können. Bei den Beobachtern herrschte kurzzeitig helle Aufregung, als Schachprogramme in der Diagrammstellung entscheidenden Vorteil für den jeweils anderen gaben. Nach einigen weiteren Zügen war aber klar, dass Anand hier weiter und tiefer gerechnet hat als Kramnik - eine höchst respektable Leistung! In einem lesenswerten Gespräch der Abendzeitung mit dem Hamburger Großmeister Jan Gustafsson, redet der Interviewer von Kramniks einfachen Fehlern - ein anmaßend wirkendes Urteil, welchem der Großmeister indirekt widerspricht.

Partie 6:
Hier opferte Kramnik einen Bauern für Initiative, konnte aber bei präziser Verteidigung Anands nicht die stärksten Fortsetzungen finden, so dass Anand am Ende den Mehrbauern in eine Dame einlösen konnte.
Vertiefte Analysen der gespielten Partien gibt es auf dem Schachportal Chessbase.
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