23.07.08

Soziale Gerechtigkeit, das (Tot)Schlagwort

Die Religionsstifter wussten wohl sehr genau, warum sie Fragen nach der “Gerechtigkeit auf Erden” auswichen oder eher allgemeine Antworten gaben. Sie wussten nämlich, dass es mit der irdischen Gerechtigkeit aus vielerlei Gründen nicht sehr weit her sei. Dafür breiteten sie ein herrliches Gemälde der paradiesischen Zustände aus, welche die Gläubigen nach dem Ende ihres irdischen Lebens erwartete: Gottesnähe, absolute Gerechtigkeit, ewiges Leben. So konnte noch Paul Gerhardt, dessen Jubiläum letztes Jahr gefeiert wurde, mitten während des 30-jährigen Krieges voller Zuversicht und Gottvertrauen von dem Paradies dichten (und vortrefflich von Johann Crüger in Töne gesetzt):

“Wer dort wird mit verhöhnt,
wird hier auch mit gekrönt;
wer dort mit sterben geht,
wird hier auch mit erhöht.”

Von dieser Gewissheit ist nicht mehr viel übrig geblieben, der säkulare Mensch verlangt nach irdischer Gerechtigkeit, diese bitte sofort und direkt. Damit stürzt er Politiker, Wissenschaftler, Demoskopen in große Probleme: was ist denn unter Gerechtigkeit zu verstehen?

Die FAZ hat hierzu eine Untersuchung unter der Überschrift “Die gefühlte Ungerechtigkeit” des Allensbacher Institutes vorgelegt. Diese wird wie folgt eingeleitet:

„Mehr als zehn Jahre lang”, schrieb der Ökonom und Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek, der von 1899 bis 1992 lebte, „habe ich mich intensiv damit befasst, den Sinn des Begriffs ,soziale Gerechtigkeit’ herauszufinden. Der Versuch ist gescheitert; oder besser gesagt, ich bin zu dem Schluss gelangt, dass für eine Gesellschaft freier Menschen dieses Wort überhaupt keinen Sinn hat.”

Die Antworten der Befragten fallen, wie erwartet, so diffus wie widersprüchlich aus. Gerechtigkeit bedeute Gleichheit, nur welche? Chancengleichheit meinen die einen, Verteilungsgleichheit die anderen. Reichtum wird wie Armut als zu bekämpfendes Übel angesehen, die “soziale Schere” öffne sich, die eigene soziale Lage wird mehrheitlich als gerecht bezeichnet. Jedoch meinen 42% der Befragten, dass das Leben in Deutschland ungerecht sei (eigentlich müsste in Deutschland folgerichtig die Suizidrate nach oben schnellen, tut sie aber auch nicht).

Was darf der hier lebende Bürger in Zukunft von der Politik unter diesen Umfrageergebnissen erwarten? Befürchtungsweise nicht viel Neues: die Parteien werden sich intensiv mit dem Thema “Energie, deren Verfügbarkeit und Kosten” beschäftigen müssen (das ist neu), ansonsten wird jede Partei ähnliche, folgenlose Luftblasen zur “sozialen Gerechtigkeit” ablassen. Gefühlte Probleme werden eben gefühlt bedient.

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