Eigentlich sollte man den Attentätern des 20. Juli schon dafür dankbar sein, dass sie das Attentat an diesem Datum ausgeführt haben, und nicht am 20. November. So haben heute Journalisten und solche, die es gerne sein wollen, die Gelegenheit, das “politische Sommerloch” jährlich wiederkehrend mit mehr, meist weniger geistvollen Artikeln zu füllen.
Die Bewertungen dieses Attentats werden nicht abreißen. Während zu meiner Pennälerzeit (1957), in der man echte Nazis, Mitläufer und Widerständler noch lebend kontaktieren konnte, vornehmlich über die Gründe des Scheiterns diskutiert wurde (unter dem Motto und mitleidigen Blicken der Eltern: “Stauffenberg, die Flasche, warum ist er nicht bis zum erfolgreichen Ende auf der Wolfsschanze geblieben”), konzentriert man sich heute, mit sicherem Abstand vom Geschehen und enorm gewachsenem Widerstandswillen, auf die Frage nach der Motivation der Attentäter. Und siehe da, es wird festgestellt, dass die meisten Teilnehmer des 20. Juli keine “lupenreine Demokraten” waren, die wir heute alle selbstredend sind. So völlig neu ist diese Feststellung nicht, es ist auch nie ernsthaft behauptet worden. Nein, sie waren keine “lupenreine Demokraten” in heutiger Interpretation.
Und nun folgt konsequenterweise die Frage: wo waren denn die lupenrein demokratischen Widerständler bis hin zu Attentätern? Die Millionen Wähler der ach so demokratischen KPD? Der demokratischen SPD? Der bürgerlichen Parteien? Haben die sich stillschweigend mehr oder weniger angepasst, eine Haltung, die danach euphemistisch als “innere Emigration” bezeichnet wurde? Ist Widerstand bis hin zum Attentat in einer Diktatur wie der des 3. Reichs doch nicht so einfach und bürgerpflichtig, wie uns das die heutigen “Widerständler” glauben machen wollen?
Nein, die Attentäter des 20. Juli waren mehrheitlich keine lupenreine Demokraten. Aber die Wiederherstellung der Demokratie war nicht das prioritäre Ziel dieser Gruppe. Angesichts der unermesslichen Greuel und Verbrechen des Naziregimes galt es als vordringlich, den Grundlagen einer jeglichen Demokratie wieder Geltung zu verschaffen: die Achtung des Rechts, der Menschenwürde auf sittlicher Basis. Sofortige Wiederherstellung einer lupenreinen Demokratie? Die Folge wäre wahrscheinlich gewesen, dass sich die NSDAP in neuem Gewande bei den Wahlen präsentiert, und einen beachtlichen Stimmblock im Reichstag bekommen hätte, wie die Nachfolgepartei der Mauermörder im heutigen Bundestag. Die nationalsozialistische Ideologie wäre nach einem erfolgreichen Attentat und Beseitigung des Regimes nicht sofort erledigt gewesen, das wussten auch die Attentäter. Man sollte den Optimismus nicht zu weit treiben.
Was können diese selbstgerechten Kritiker der Leute des 20. Juli denn noch anführen? Etwa Helmut Schmidt, der am 20. Juli 2008 bei seiner Rede während des Gelöbnisses von Bundeswehrsoldaten in Berlin bekannte, dass er erst durch Zwangsteilnahme als Offizier bei einem Volksgerichtshofprozess das Verbrecherische des Naziregimes gewahr wurde? Also ein “lupenreiner Demokrat” als gewesener Bundeskanzler? Oder Theodor Heuss, der 1933 für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat? Erkenntnisse müssen bei den meisten Menschen reifen. Einzige Ausnahmen bilden Blogger wie Martin Stahlke, denen Erkenntnisse schon präembryonal mitgegeben wurden.

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