Pünktlich zu Landtagswahlkämpfen wird in Deutschland im linksgerichteten Spektrum die Systemfrage gestellt - um genauer zu sein: Die Schulfrage. Dabei lautet dann der Tenor, dass das deutsche dreigliedrige Schulsystem nicht genügend „Bildungsgerechtigkeit” schaffe, „Chancen-Gleichheit” vermindere und daher „die soziale Ungerechtigkeit” vergrößere. Stattdessen solle man mit dem dreigliedrigen Schulsystem erst nach der sechsten Klasse beginnen (was übrigens auch bei manchen Pädagogen nicht unumstritten ist) oder, ginge es nach radikaleren Vertretern, gar ganz das Gymnasium abschaffen und dafür eine Gemeinschaftsschule für alle Kinder einführen.
Der Focus blickte gestern ins Nachbarland Frankreich, wo es seit mehr als 30 Jahren Einheitsschulen gibt, und berichtet ausführlich aus einer Brennpunktschule. Der Leser wird eingangs mit einem sehr ernüchternden Statement begrüsst:
Frankreichs vielleicht heiligste Kuh ist das staatliche Schulsystem. Hier formt die Republik ihre künftigen Staatsbürger: Fast ausnahmslos ab dem dritten Lebensjahr, meist an sechs Tagen der Woche, von morgens bis zum späten Nachmittag.
Seit 1979 werden alle Kinder bis zur zehnten Klasse gemeinsam unterrichtet, nach einem landesweit gleichen Lehrplan für landesweit gleiche Prüfungen. Die Einheitsschule sollte die Integration der Einwandererkinder verbessern. Die Folgen seien jedoch verheerend, warnen immer mehr französische Bildungsexperten: Das Gesamtniveau der Schüler sei dramatisch gesunken, die Chancen der Migranten aber nicht gestiegen. FOCUS-Redakteurin Caroline Mascher erlebte an einer Mittelschule in einem Brennpunktviertel in Marseille, warum Ganztagsschule und die Zusammenlegung aller Schularten nicht automatisch alle Probleme lösen.
Kinder aus Einwandererfamilien kennen von Frankreich häufig nur das Leben in den großen Vororten, den Banlieues, und finden nur selten Kontakt zur französischen Mittelschicht: „Madame, was machen Sie hier eigentlich?”, pirscht sich ein vorwitziger 13-Jähriger an mich heran. „Ich will darüber schreiben, wie die französischen Schüler lernen”, antworte ich möglichst diplomatisch. „ Ja, aber hier gibt es doch gar keine Franzosen”, bringt der Junge die Situation mit entwaffnender Ehrlichkeit auf den Punkt. Dabei wird wenig getan, um bei dieser sozialen Problematik zu Erfolgen zu kommen. Den Schulen ist es schon verboten, Statistiken über den Zusammenhang von Herkunft und Schulerfolg zu führen, so dass konkrete zielgerichtete Maßnahmen, das Bildungsniveau gerade dort anzuheben, oft von vornherein unterbleiben.
Die französische Mittelschicht hingegen flüchtet aus den Vorstädten und schickt ihre Kinder lieber auf Privatschulen: Immer mehr Eltern der französischen Mittelschicht würden ihre Kinder lieber auf eine „private” katholische oder evangelische Schule schicken. Die arbeiten nach den gleichen staatlichen Lehrplänen und sind mit durchschnittlich 500 - 700 Euro Schulgeld im Jahr relativ erschwinglich. Verschwindet diese Mittelschicht ganz, so nehmen die Probleme mit Jugend- und Drogenkriminalität weiter zu, denn „Viele unserer Schüler sehen absolut keinen Sinn, in die Schule zu gehen, wenn sie draußen als Drogenbote oder gar Dealer bereits gutes Geld verdienen. Und wir haben keine Handhabe, sie vor den Einflüssen außerhalb der Schule zu schützen”.
Beklagt wird auch ein „Etikettenschwindel” beim Abitur (“le baccalauréat” - siehe Grafik):
Der Vorwurf der Experten: Zwar gingen fast alle Schüler nach der neunten Klasse auf eine weiterführende Schule (selbst am College Vieux Port sind es im Schnitt 85 Prozent). Doch nur die Hälfte von ihnen erreiche auch einen Abschluss. Drei Kategorien von Oberschulen gibt es in Frankreich, und alle enden mit dem Abitur. Selbst ein Abschluss, der dem einer deutschen Berufsschule entspricht, nennt sich Abitur. In der Realität heißt das: Während deutsche Hauptschüler mit Migrationshintergrund oft schon mit 15 Jahren am Arbeitsmarkt scheitern, erleben ihre französischen Schicksalsgenossen denselben Frust zwei bzw. vier Jahre später. Ein böses Erwachen erleben viele Abiturienten auch an der Uni. Durchfallquoten von 50 bis 90 Prozent im ersten Studienjahr gelten in manchen Fächern als normal.
Gemischt sieht die Autorin, dass nicht die Lehrer persönlich die Sanktionen für Fehlverhalten der Schüler in die Hand zu nehmen haben, sondern diese nach oben delegiert werden, also letztendlich von der Institution Schule vollstreckt werden. Dies führt u.a. dazu, dass das Unterrichtsklima „sachlicher” sei, dem Lehrer wird es damit auch teilweise erspart, mühsam eine gewisse Autorität zu erringen, „auf der Strecke bleiben dabei jedoch oft die Motivation und Ermunterung des einzelnen Schülers, seine Bereitschaft selbstständig zu lernen oder zu denken.”
Allerdings werden durch den laizistischen Charakter der französischen Schulen religiös-soziale Konflikte teilweise ferngehalten, denn im laizistischen Frankreich herrscht striktes Kopftuchverbot - was Eltern und Töchter oft als Erleichterung empfinden, da es sie von jeglicher Entscheidung oder Rechtfertigung entbindet. Abschliessend bestätigt die Redakteurin für Frankreich, was auch die Beobachtung vieler Lehrer hierzulande ist - die eigentliche Erziehung der Kinder, das Erlernen von grundlegenden Verhaltensregeln, wird immer mehr den Schulen aufgebürdet.
Es wäre natürlich unredlich, all diese Probleme dem System „Gesamtschule” oder „Einheitsschule” anzulasten - es bleibt eher der Eindruck, dass in bildungsfernen Milieus Schulerfolg nicht einfach auf Knopfdruck durch einen „Systemwechsel” generiert werden könne, sondern dass dafür viele Mosaiksteine, häufig sogar von Schüler zu Schüler sehr verschiedene, eine Rolle spielen.

Sehr schöner Schluss; wir können und letztlich eigentlich nur darauf einigen, DASS es Probleme gibt, und dass ETWAS geändert werden muss...
Die momentane Fixierung auf die Einheitsschule ist m.M.n. unsachlich, da es in der Realität eigentlich nie "Rezepte" gibt, die alle Probleme schlagartig beenden; stattdessen treten andere Probleme auf.
Es müssen also lösungsvorschläge her, und da die Einheitsschule der plakativste ist, fixieren sich einige eben darauf.
Schließlich muss man sich dann um keine wirklichen Lösungen bemühen; die könnten in Richtung "Entlastung der Lehrer" zielen oder eine Aufwertung der hauptschule anstreben... Oder sogar eine Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen, um diese neue Schulform attraktiver zu machen, auch und insbesondere für Arbeitgeber.
Eine Gerlängerung der Grundschulzeit halte ich nur für bedingt wirklungsvoll; ich kenne einige wohlhabende familien, die alles mögliche tun, damit ihre Kinder aufs Gymnasium kommen, und normalerweise geht die Rechnung mehr Geld+ mehr elterlicher Druck + mehr Engagement = Gymnasium auf. Die "bildungsfernen Milieus" bleiben wieder auf der Strecke... Und da hilft dann letztlich auch die Verlängerung der Grundschule nur bedingt.